Tomaten für Allergiker?

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Autor: UliBB

Heutzutage hat fast jeder irgendeine Allergie oder kennt zumindest jemanden der eine (oder mehrere) hat. Per Deffinition ist eine Allergie eine Immunantwort auf eigentlich harmlose Umweltstoffe. Sie sind sehr unangenehm und können das Leben der Betroffenen stark einschränken.
Alleine in Deutschland betrifft dies mehr als 20% der Bevölkerung, Tendenz steigend. Was tun wenn man ein Allergiker ist? Bei Pollen- oder sonstigen, über die Atemwege induzierten Allergien, können relativ gute Prognosen erstellt und entsprechende Therapien angewandt werden. Doch was wenn man gegen Nahrungsmittel reagiert? Häufige Allergieauslöser sind neben Erdnüssen auch Kiwis, Erdbeeren und Tomaten. Ich kenne viele die auf Pollen und Gräser jeglicher Art reagieren und die keine Äpfel oder Erdnüsse essen können. Doch dass es es eine Vielzahl von Menschen gibt, die auch keine Tomaten vertragen, war mir bis vor wenigen Jahren neu. Als Ironie des Schicksals empfand ich anfangs, dass es ausgerechnet in Spanien viele Tomatenallergiker gibt, da kaum ein Spanier nicht täglich Tomaten in irgendeiner Form zu sich nimmt. Besonders beliebt ist in Katalonien und auch im übrigen Land das `pa amb tumàquet´, das Brot auf das eine rohe Tomate gerieben wird und mit Knoblauch, Olivenöl und Salz versehen bei den klassischen `Tapas´nicht fehlen darf. Dabei ist es logisch, dass gerade unter diesen Umständen hohe Zahlen von Betroffenen gefunden werden. Eben weil so viel Tomaten im mediterranen Raum konsumiert werden, ist die Anzahl der Menschen, die auf drei darin enthaltenen Hauptallergene reagieren, sehr hoch.
Da solche Lebensmittelallergien im Allgemeinen gehäuft auftreten, sind die Betroffenen meist nicht nur gegen Tomaten, sondern auch gegen Erdnüsse und Äpfel allergisch. In diesen Fällen gibt es kaum immunspezifische Ansätze und meist ist das vermeiden des oder der entsprechenden Allergene die einzige Möglichkeit um einer unerwünschten, womöglich lebensbedrohlichen Reaktion zu entgehen. Daher ist die Entwicklung von entsprechenden immuntherapeutischen Strategien von grossem Interesse, um die Lebensqualität von Nahrungsmittelallergikern zu verbessern.

Ein Ansatz der Wissenschaft beschreitet ganz neue Wege: Nahrungsmittel schaffen, in denen das Allergen, sofern es identifiziert ist, in geringerer Menge auftaucht oder ganz fehlt.
Als sehr effiziente Methode zur Hemmung der Expression von Proteinen in Pflanzen hat sich die Verwendung von RNAi (RNA interference) herausgestellt. Mit Hilfe der RNAi Technologie konnte ein `gene silencing´ bei den Apfel- und Erdnüssallergenen Mal d1 und Ara h2 erzielt werden. Die Umsetzung der Gene zu ihren Produkten wird dabei unterdrückt und die auf diese Weise gentechnisch veränderte Stecklinge im sogenannten skin prick tests (SPTs) an Patienten erprobt. Bei einem SPTs wird mit einer Nadel zuerst in die Pflanze, dann in die Haut eines Probanden gepiekst und somit eine Probe aufgebracht. Diese Versuche ergaben eine stark reduzierte allergische Reaktion auf die gentechnisch veränderten Pflanzen.
Auch gentechnisch veränderte Tomaten konnten erfolgreich mit der RNAi Methode hergestellt werden. Bei Tomaten sind es Profilin (Lyc e 1), b-fructofuranosidase (Lyc e 2), and nsLTP (Lyc e 3) die es auszuschalten gilt.
Im Institut für Biochemie in Erlangen wurde dies erreicht und dem Forscherteam für die Herstellung einer Tomate mit reduzierten Mengen des allergenen Lipid Transfer Proteins Lyc e 3, 2007 der Max Rubner-Preis von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) verliehen. Sie erzielten eine 10-100fach geringere allergene Potenz als bei Früchten von nicht gentechnisch veränderten Pflanzen. Bei drei von fünf Patienten fiel der Hauttest mit den Früchten der gentechnisch veränderten Pflanzen sogar komplett negativ aus. Dies ist erstaunlich, da der Test an Patienten schwieriger ist, da die meisten Betroffenen auf mehrere der drei Hauptallergene reagieren.

Ich hatte das Glück im Auftrag eines BMBF Filmes U. Sonnewald und seine Frau in Erlangen besuchen zu können und mir das System anhand einer Profilin reduzierten Tomate erklären zu lassen. Dabei durfte auch ich mich einem skin prick tests unterziehen und als Negativkontrolle fungieren.

Vielen Dank für diese Möglichkeit! Viel Erfolg bei der weiteren biotechnologischen Erforschung.

Links und Literatur:

Lehrstuhl für Biochemie in Erlangen: Uwe Sonnewald

Hortense Dodo, Koffi Konan, Olga Viquez (2005). A genetic engineering strategy to eliminate peanut allergy Current Allergy and Asthma Reports, 5 (1), 67-73 DOI: 10.1007/s11882-005-0058-0

L GILISSEN, S BOLHAAR, C MATOS, G ROUWENDAL, M BOONE, F KRENS, L ZUIDMEER, A VANLEEUWEN, J AKKERDAAS, K HOFFMANNSOMMERGRUBER (2005). Silencing the major apple allergen Mal d 1 by using the RNA interference approach Journal of Allergy and Clinical Immunology, 115 (2), 364-369 DOI: 10.1016/j.jaci.2004.10.014

L LE, V MAHLER, Y LORENZ, S SCHEURER, S BIEMELT, S VIETHS, U SONNEWALD (2006). Reduced allergenicity of tomato fruits harvested from Lyc e 1–silenced transgenic tomato plants Journal of Allergy and Clinical Immunology, 118 (5), 1176-1183 DOI: 10.1016/j.jaci.2006.06.031

Y LORENZ, E ENRIQUE, L LEQUYNH, K FOTISCH, M RETZEK, S BIEMELT, U SONNEWALD, S VIETHS, S SCHEURER (2006). Skin prick tests reveal stable and heritable reduction of allergenic potency of gene-silenced tomato fruits Journal of Allergy and Clinical Immunology, 118 (3), 711-718 DOI: 10.1016/j.jaci.2006.05.014

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Kategorie: Wissenschaft und Gesellschaft

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