Der “Google-Effekt” verändert die Erinnerung

Unser Gehirn kann sich an die unglaublichsten Dinge erinnern, doch das Erinnerungsvermögen scheint sich der neuen Informationsverfügbarkeit im Internet anzupassen.

Meine frühesten Erinerungen reichen ungefähr in den Kindergarten zurück, wobei ich mich immer frage, ob ich mich tatsächlich an die Situation erinnern kann, oder ob es eine Collage aus Bildern im Fotoalbum und lebendigen Erzählungen ist. Doch bei neueren Erinnerungen, Fakten, die ich zum Beispiel in der Schule oder Uni gelernt habe, habe ich immer öfter das Gefühl: Kann ich ja auch kurz Googeln oder bei Wikipedia nachschlagen. Das nennt man den Google-Effekt. Wir scheinen uns langsam daran zu gewöhnen, dass die gigantische Informationsfülle des Internets beinahe in Echtzeit abrufbar ist.

800px Google Logo.svg  Der Google Effekt verändert die Erinnerung

Diesem Phänomen ging nun die Amerikanische Psychologin Betsy Sparrow auf den Grund, indem sie Studenten mit kreativ ausgetüftelten Erinnerungsaufgaben im Zusammenhang mit Computern konfrontierte und dabei deren Verhalten untersuchte.

Ihrem Ansatz liegt eine Theorie zugrunde, die sich Tranlationelle Erinnerung nennt und davon ausgeht, dass Erinnerungsarbeit aufgeteilt wird. So kann sich in einer Partnerschaft zum Beispiel einer die wichtigsten Termine der kommenden Monate merken, während die andere Person sich mehr auf Kontaktinformationen und Personen konzentriert. Auf diese Art und Weise kann man den Erinnerungsprozess verteilen und als Einheit insgesamt mehr speichern. Und die neue Theorie besagt, dass das Internet auf diese Art verwendet werden könnte und sozusagen als externe Speicherplatte dient, deren Verfügbarkeit zur Selbstverständlichkeit wird.

In einem ertsen Experiment stellte Betsy Sparrow den Probanden Fragen, die durch eine Onlinesuche aufgeklärt werden konnten und fürte danach einen Stroop-Test durch. Bei diesem Test werden Worte mit farbiger Schrift gezeigt, und die Probanden müssen dann die Schriftfarbe benennen. Findet im Moment ein Nachdenken über ein Thema statt, dass mit den gezeigten Worten in Beziehung steht, benötigt der Proband signifikant mehr Zeit, um die Farbe zu benennen. In diesem Fall wurden den Probanden Worte wie Google oder Yahoo gezeigt, und da sie sichtlich gerade über eine potentielle Internetsuche nachdachten, verzögerte sich ihre Farbantwort.

In einem zweiten Experiment wurden die Probanden ausgetrickst, diesmal bekamen sie triviale Aussagen und bekamen die Möglichkeit sich Notizen dazu auf einem Computer zu machen. Die Hälfte der Gruppe wurde nun in den Glauben versetzt, dass die Notizen gespeichert würden, der anderen Hälfte wurde gesagt, sie gingen beim Abschalten verloren. Danach wurden die Probanden aufgefordert, sie Aussagen aus der Erinnerung wiederzugeben. Und wie zu erwarten schnitt die Gruppe, die einen Verlust der Notizen erwartete bedeutend besser ab. Diese Personen hatten sich also nicht auf die Computergestützte Erinnerungshilfe verlassen und eine Art Backup angelegt.

In einem dritten ähnlichen Experiment wurden den Probanden Ordner mit verschiedenen Namen wie “Daten” oder “Fakten” auf dem Computer als Speicherort der gemachten Notizen genannt. Während die zweite Hälfte der Gruppe wieder dachte, die Daten gingen verloren. Wieder schnitten die Probanden besser ab, die sich nicht auf die Speicherung verliessen, doch noch Eindrucksvoller war, dass sich die Probanden der anderen Hälfte bei weitem besser an den Speicherort, als die Notizen selbst erinnern konnten. Wir sind also darauf vorbereitet die Daten an ihrem Platz auf der Festplatte zu finden, erinnern uns aber kaum an den Inhalt der Datei.

Ein ähnliches Verhalten zeigt der Mensch bestimt seit der Speicherung von Daten in Bild und Druck in Büchern und bibliotheken, doch der Google-Effekt besitzt zeitlich eine neue Dimension, da heute fast jeder sein “Schlauphone” herausziehen kann und innerhalb von Sekunden die gewünschte nformation im Internet aufgespürt hat.

Als alter Science Fiction Fan sehe ich natürlich für die Zukunft ein Dateninterface, dass direkt im Gehirn sitzt und alle denkbaren Daten auch dort gespeichert hat und nur von Zeit zu Zeit upgedated werden muss.

“Also warum sich an etwas erinnern, wenn man es einfach abrufen kann.” (Roddy Roediger,Psychologe, Washington Universität).

Roediger hypothetisiert weiter, dass der Google-Effekt auch den Flynn-Effekt beeinflussen könnte. Ein bisher nicht erklärbarer Anstieg des durchschnittlichen Intelligenzquotienten während der letzten hundert Jahre.

Noch nie gehört? Auch dazu gibt es einen Wikipedia Artikel !

Gefunden bei Science
rb2 tiny Der Google Effekt verändert die Erinnerung
Sparrow, B., Liu, J., & Wegner, D. (2011). Google Effects on Memory: Cognitive Consequences of Having Information at Our Fingertips Science DOI: 10.1126/science.1207745

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