HI-Virus älter als erwartet!

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Autor: fee
Das HI-Virus tritt als Pandemie auf und stellt damit, obwohl es noch relativ jung ist, eine der schwerwiegendsten gesundheitlichen Bedrohungen der Menschheit dar. Doch in Zahlen von Infektionen und Todefällen hat es bereits alle geschichtlichen Infektionskatastrophen wie Pest, Spanische Grippe oder Cholera überflügelt.
Die Erstbeschreibung des zu den Lentiviren zählenden HIV-1 Erregers erfolgte im Jahre 1983 durch zwei Arbeitsgruppen unter der Leitung von Robert Gallo am NIH und Luc Montagnier am Institut Pasteur. HIV-2 wurde wenig später im Jahre 1986 entdeckt.
Die Detektivarbeit, die zur wahrscheinlichsten Ausbreitungsrute von Zentralafrika im Jahre 1966 über Haiti nach Amerika, wo es 1969 auftauchte, liest sich wie ein Kriminalroman.
Doch eine offene Frage blieb, und diese lautet: Wie alt ist der Erreger? Man weiss inzwischen, dass das humane Immundeffizienzvirus vom SI-Virus, der in Schimpansen vorkommenden Variante abstammt. Diese Variante kommt aber ursprünglich wahrscheinlich von einer anderen Affenart und entwickelte sich im Schimpansen weiter. Dort löst der Erreger allerdings nicht die Krankheit AIDS aus. Die erste übertragung des SIV auf den Menschen fand wahrscheinlich im 20. Jahrhundert ducrh Verzehr von Schimpansenfleisch oder bei dessen Zubereitung statt und dort entwickelte sich dann auch durch weitere Mutationen das gefährliche HI-Virus. DIe ältesten Spuren für diese Übertragung wurden nach Kamerun zurückverfolgt.
Die bisher ältesten bekannten Infektionen wurden in Proben in Kongo aus dem Jahre 1959 nachgewiesen. Anhand dieser und weiterer Proben wurde ein geschätztes Entstehungsdatum zwischen 1915 und 1941 angegeben. Nun ist es Forschern gelungen, nach einer fast achtjährigen Suche, eine weitere “historische” Infektion aus Kinshasa nachzuweisen (Worobey, M. et al. Nature 455, 661–664 (2008)).

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Satelitenbild von Kinshasa am Fluss Kongo

Dafür wurden dutzende alte Proben aus Afrika untersucht und in einer aus dem Jahr 1960 stammenden, in Parafin eingebetteten Lymphknotensektion, wurden sie fündig. Der Nachweis und die Extraktion von DNA und RNA in ausreichender Qualität erwies sich als ungemein schwierig, da Proben für diese Methodik mit reaktiven Chemikalien fixiert werden, was die gesamten Informationen zu einem dreckigen Klumpen aus Erbinformationen und Proteinen verwandelt. Doch die Forscher entwickelten eine Methode um genügend Daten zu extrahieren um die spezifischen Sequenzen zu rekonstruieren. Die neue Probe und die aus dem Jahre 1959 stammende wurden anschleissend verglichen und es konnte gezeigt werden, dass die Sequenzen sich in 12% unterschieden. Anhand dieser Ergebnisse, liess sich nun eine phylogenetischer Stammbaum generieren, aus dem sich ein wahrscheinlicher Zeitraum für die Generierung dieser 12% unterschiedlicher Genomsequenzen extrapolieren lässt. Diese Berechnungen ergaben für den gemeinsamen Vorfahren der beiden Virusvarianten ein potentielles Entstehungsdatum um 1908. Dies entspricht auch dem Zeitpunkt, als das damalige Leopoldville, das heutige Kinshasa sich zu einem Handelsposten entwickelte und sich weitreichende Kontakte zu anderen Regionen in Zentralafrika bildeten, die zur Ausbreitung des Virus beitragen konnten.
Es wird wohl nie möglich sein, die genaue Zeit und die exakte Route des Virus nachzuweisen, aber für das tiefere Verständnis der Evolution des HIV sind solche Daten ungemein interessant. So könnten sie zum Beispiel erklären, welche Veränderungen den Virus so gefährlich machten und welche Mutationen die erfolgreichen von den nicht erhaltenen Varianten unterschied.

Michael Worobey, Marlea Gemmel, Dirk E. Teuwen, Tamara Haselkorn, Kevin Kunstman, Michael Bunce, Jean-Jacques Muyembe, Jean-Marie M. Kabongo, Raphaël M. Kalengayi, Eric Van Marck, M. Thomas P. Gilbert, Steven M. Wolinsky (2008). Direct evidence of extensive diversity of HIV-1 in Kinshasa by 1960 Nature, 455 (7213), 661-664 DOI: 10.1038/nature07390

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Kategorie: Wissenschaftsnews

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RSSKommentare (2)

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  1. derele sagt:

    Nicht schlecht…
    hier ( http://scienceblogs.com/erv/2008/10/paleovirology.php ) gibts das ganze noch etwas ausführlicher, von der Ami-HIV-Bloggerin schlechthin.

    [Antwort]

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